Der Patient mit dem Schulterproblem, das im Bauch begann

Manchmal sitzt jemand mit hartnäckigen Schulterverspannungen bei mir, hat alles durch, Massage, Wärme, Dehnen, und nichts hält. Und dann finde ich beim Abtasten eine alte Narbe am Bauch, an die der Patient längst nicht mehr denkt. Ein Kaiserschnitt vor zwölf Jahren, eine Blinddarm-Operation aus der Schulzeit. Die Haut darüber lässt sich kaum verschieben, sie klebt fest. Für viele klingt das nach zwei getrennten Dingen. Für den Körper ist es eines.


Die Faszie ist ein durchgehendes Netz, kein Flickenteppich

Faszie ist das Bindegewebe, das jeden Muskel umhüllt, aber nicht als einzelne Tüten. Es ist ein zusammenhängendes Netzwerk, das ohne echte Unterbrechung vom Scheitel bis zur Fußsohle durchläuft. Ziehen Sie an einer Stelle, verteilt sich der Zug über weite Strecken. Denken Sie an einen gestrickten Pullover: Sie ziehen unten an einem Faden und oben, an ganz anderer Stelle, wirft sich der Stoff in Falten.

Eine Narbe ist in diesem Netz ein steifer Punkt. Wo gesundes Gewebe gleitet und nachgibt, sitzt sie fest wie ein verknoteter Faden. Alles, was sich eigentlich frei über mehrere Schichten bewegen sollte, wird an dieser Stelle gebremst. Der Körper gleicht das aus, und zwar oft weit entfernt vom eigentlichen Ort. So landet der Zug einer Bauchnarbe irgendwann in der Schulter, im Becken oder als wiederkehrender Spannungskopfschmerz.


Was in einer Narbe passiert und warum sie verklebt

Eine Wunde heilt nicht nach festem Bauplan. In den Monaten nach dem Verschluss ordnen sich die neuen Kollagenfasern nach dem, was auf sie einwirkt. Bekommt die Narbe geordnete Bewegung, richten sich die Fasern sauber aus. Bleibt sie ruhig und ungefordert, verfilzen sie und vernetzen sich mit den Nachbarschichten, Haut mit Unterhaut, Unterhaut mit Faszie. So entsteht eine Verklebung.

Und dieser Umbau dauert lange, weit über ein Jahr. Deshalb sind auch alte Narben noch formbar. Eine Narbe, die seit Jahren still verklebt ist, kann auf sanfte Bewegung immer noch reagieren. Das ist der Grund, warum es sich lohnt, eine zwanzig Jahre alte Narbe überhaupt noch anzufassen.


Wie die chinesische Medizin dasselbe Bild zeichnet

Die traditionelle chinesische Medizin kennt die Sehnen-Muskel-Meridiane, die Jing Jin. Das sind funktionelle Leitbahnen, die den Körper in langen Zügen durchziehen. Aus Sicht der TCM sitzt eine Narbe im Verlauf einer solchen Bahn wie eine Stauung in einem Fluss. Sie soll den Fluss von Qi und Blut entlang der ganzen Bahn behindern. Dass sich dieses alte Bild so genau mit dem modernen Gedanken der Faszienketten deckt, hat mich in der Praxis immer wieder überrascht. Beide beschreiben dieselbe Beobachtung: eine Störung an einem Punkt zeigt sich anderswo.


Was Sie selbst tun können und was in die Praxis gehört

Bei einer vollständig verheilten, reizfreien Narbe können Sie selbst viel erreichen, und zwar mit sehr wenig Kraft. Der wichtigste Satz zuerst: mehr ist hier nicht besser. Nur ganz kleine Dehnungen bis etwa sechs Prozent der Narbenlänge regen das Gewebe positiv an. Bei einer zehn Zentimeter langen Narbe sind das keine sechs Millimeter. Sanfter, oft wiederholter Reiz schlägt kräftiges Ziehen jedes Mal.

Ein einfacher Anfang: mit zwei Fingern kleine Kreise direkt auf der Narbe, so viel Druck, dass sich die Haut mitbewegt, nicht darüber rutscht. Ein, zwei Minuten, ein bis zwei Mal am Tag. Danach die Haut samt Narbe leicht anheben und in alle vier Richtungen verschieben, um zu spüren, wo sie noch klebt. Immer nur bis zum leichten Ziehen, nie in den Schmerz.

Vorsicht ist geboten, solange die Wunde noch nicht ganz geschlossen ist, bei Rötung, Wärme oder Schwellung, und immer, wenn Ihr Operateur noch nicht grünes Licht gegeben hat. Nehmen Zunehmende Schmerzen, Taubheit, Kribbeln oder Schwäche entlang eines Arms oder Beins zu, hören Sie auf und lassen Sie das ärztlich abklären.

Für tiefe Narben nach großen Operationen, für mehrere Narben, die sich gegenseitig beeinflussen, oder wenn die Fernbeschwerden trotz wochenlanger Eigenarbeit bleiben, lohnt sich der geübte Griff. In der Praxis taste ich die ganze Zugbahn ab, nicht nur die Narbe, und finde so den Punkt, an dem die Kette wirklich hängt. Wenn Sie unsicher sind, wo Ihre Beschwerden herkommen, rufen Sie mich an. Mehr zu meiner Arbeit an den Leitbahnen und am Bindegewebe finden Sie auf der Seite zur Akupressur.


Da ich während Behandlungen nicht ans Telefon gehe, sprechen Sie mir Ihre Nachricht auf den AB. Ich rufe zurück.

D. Th. Hoffmann 
Praxis für manuelle Schmerztherapie
Brühlstraße 24
72202 Nagold-Iselshausen. 

Handy 0172 8747373 
Festnetz 07452 6051823.


Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und der Selbsthilfe bei bereits abgeklärten, unkomplizierten Narben. Er ersetzt keine ärztliche Abklärung. Bei chronischen Beschwerden oder Warnzeichen wie Fieber, zunehmendem Schmerz oder Taubheit wenden Sie sich an Ihre Ärztin oder Ihren Arzt.